Archiv für den Monat: Oktober 2018

Führung: Ziele erreichen – auch ohne Macht

„Geht es nicht einmal ohne Widerspruch? Einfach so?“ sagen viele Führungskräfte in meinen Trainings. Sie sehnen sich nach einfachen und schnell umsetzbaren Lösungen. Doch die Gegenwart fordert einen neuen Führungsstil: Überall stellen sich Führungskräfte auf die Bedingungen der neuen Arbeitswelt ein: Agilität, schneller Wandel und VUCA sind hier die wichtigsten Stichworte – und „auf Augenhöhe führen“. Doch das ist anstrengend.

Im Stillen wünscht sich mancher die alten Zeiten zurück. Wenigstens gelegentlich. Da konnte man noch etwas bewegen! „Du machst das jetzt so. Weil ich es sage. Basta.“ Und damit war die Sache vom Tisch. Nächste Aufgabe, bitte.

Für den Fall, dass wirklich einmal Widerspruch drohte, gab es eine Reihe von Sanktionen: Verweise, Abmahnungen, Kündigungen. Da musste sich der Mitarbeiter schon überlegen, wie weit er den Mund aufreißen wollte. Schließlich warteten reichlich Arbeitskräfte vor der Tür. Die meisten fügten sich in das Notwendige.

Überzeugunsarbeit dauert

Heute arbeiten wir nicht mehr in hierarchischen Strukturen, sondern in Matrixorganisationen. Auch deshalb haben die Macht- und Sanktionsmittel früherer Zeiten heute ausgedient. Meine Seminarteilnehmer arbeiten häufig in Stellvertreterfunktionen. Viele sind jung, fachliche Vorgesetzte oder sie arbeiten in der Projektleitung. So oder so fehlen ihnen die disziplinarischen Mittel früherer Zeiten. Und damit fühlen sie sich ohnmächtig. Denn nach wie vor müssen sie Ergebnisse liefern und sind Rechenschaft schuldig – gegenüber dem Kunden, dem Auftraggeber, dem Vorgesetzten der nächsten Instanz.

Was aber tun, wenn ein Mitarbeiter einfach nicht tut, was man sich wünscht? Jeder in meinen Runden kennt solche Situationen: Wir überlegen uns Wege, wie wir andere erreichen und sie überzeugen. Wir versuchen es. Wir geben unser Bestes. Wirklich. Doch es fällt schwer, sich durchzusetzen. Wir sind genervt, wenden uns ab und schimpfen.

Doch das ist keine Lösung. Heute sind hohe Kommunikationskompetenzen erforderlich. Sie machen Mühe und Arbeit. Doch was ist die Alternative in Zeiten des Fachkräftemangels?

Wer sich in einem autoritären Führungsstil versucht, macht kurz darauf eine unangenehme Entdeckung: Die Mitarbeiter sind in die innere Kündigung gegangen und machen Dienst nach Vorschrift. Wer kann sich das noch leisten?

Autoritäre Strukturen sparen Zeit – auf den ersten Blick

Die scheinbaren Vorteile hierarchischer / klassischer Führungsstrukturen sind:

  1. Sie kosten weniger Zeit. Zeit ist kostbar und um Menschen zu überzeugen, brauchen wir reichlich davon. Diskussionen, Erklärungen und Auseinandersetzungen ziehen sich oft lange hin. Zieht einer nicht mit, heißt es, sich auf diesen Menschen einzustellen und die Gründe zu erfragen. Und dann brauchen wir noch einmal Zeit, denn wir müssen uns überlegen, was dieser Mensch davon hat, doch noch mitzugehen. Das dauert endlos und einer hat immer etwas einzuwenden. Verflixt!
  2. Dann ist da noch die Sache mit der Verantwortung. In hierarchischen Strukturen gibt es immer einen Verantwortlichen, den man heranziehen kann. Und wenn es Not tut, muss er den Kopf hinhalten. Wie aber sieht es bei temporärer Führung aus oder bei vielschichtiger Verantwortlichkeit? Hier sind alle zuständig und keiner. Ein „kollektives Verantwortungsgefühl“ ist oft nebulös.

Was Führungskräfte heute brauchen

Was brauchen Führungskräfte, die lateral und auf Augenhöhe führen?

Ein neues Rollenverständnis von Führung
Eine hohe kommunikative Kompetenz
Empathiefähigkeit
Integrationsfähigkeit
Moderationskompetenz
Verhandlungsgeschick
Die Fähigkeit, zu überzeugen
Die Fähigkeit, qualitatives Feedback zu geben
Einen partizipativen Führungsstil, verbunden mit einem positiven Menschenbild

Die Anforderung an lateraler Führung sind vielleicht höher, ja ganz bestimmt sogar. Mit der neuen Normalität müssen wir uns anfreunden. Ich stimme einem jungen Teilnehmer zu, der auf den Titel/Aussage „Führen ohne Macht“ eindeutig reagierte: „Ja, wie denn sonst?“ Genau. Wie sonst?