Archiv für den Monat: Juli 2017

Mein Ausstieg „light“: Was schief ging und was ich gelernt habe

Pause oder aussteigen: Was tun, wenn der Wunsch nach Neuem übermächtig wird?

Irgendwann erwischt es wohl jeden: die Sehnsucht, etwas ganz anderes zu tun. Etwas Einfaches. Greifbares. Schlichtes. Etwas, bei dem man nicht so viel denken muss. Was man erzählen kann. Was jeder versteht.

Feierabend haben, wenn Feierabend ist. Kennen Sie den Wunsch? Oh, wär‘ das schön!

Wovon träumen Sie? Eine Currywurst-Bude auf Sylt vielleicht? Ein Sommer auf der Alm? Brunnen bohren in Afrika? Ach, egal. Hauptsache: raus!

Genau darum kreisten meine Gedanken. Seit über 20 Jahren bin ich Trainerin und Coach. Ich liebe meinen Beruf. Dennoch beschleicht mich hier und da der Gedanke, etwas ganz anderes zu versuchen. Aber was? Ich habe gesucht und gefragt und nach einigen kreativen Gesprächsrunden wusste ich es: Ich wollte schon immer in einer Bäckerei arbeiten. Ich liebe den Geruch von frisch gebackenem Brot. Er aktiviert sämtliche Geschmacksnerven. Wir Deutschen haben super leckeres Brot, finde ich, und immerhin habe ich zehn Jahre mit Freude verkauft.

Aufstieg und Fall in vier Stunden

Gesagt, getan. Als die Bäckerei um die Ecke eine Aushilfe suchte, habe ich „hier“ gerufen. Es war ein kurzes Bewerbungsgespräch. Dann fing das Probearbeiten an.

Um es kurz zu machen: Ein Naturtalent bin ich nicht. Ich habe ordentlich geschluckt, was man alles falsch machen kann in einer ach so schlichten Bäckerei: 200 Artikel, eine Touch-Screen-Kasse, ein ausgetüfteltes Warenwirtschaftssystem, das Fehler nur in engen Toleranzen zulässt. Kunden haben es eilig. Die Handgriffe waren ungewohnt und eine Filiale muss Umsatz-Ziele erbringen.

Packen Sie mal frisch geschnittenes Brot in eine Tüte – Stress pur! Gott sei Dank klappte der Kundenkontakt. Noch immer bin ich dankbar für die Geduld der Kolleginnen.

Brötchen zu verkaufen, ist nur scheinbar leicht. Die Aufgabe hat alles von mir gefordert. Nach ein paar Stunden habe ich das Handtuch geworfen. Einfach Aufgegeben.

In einer Bäckereien zu stehen, ist kein leichtes Arbeiten. Vom Stundenlohn wollen wir gar nicht sprechen. Ich stand unter Dauerstress, machte permanent Fehler und war schlichtweg ungeschickt. Lernte, meine zwei linken Hände kennen.

Geduld! Und Respekt vor scheinbar Einfachem.

Was nehme ich mit aus dem Versuch? Lessons learned:

  • Etwas Neues zu lernen, erfordert ein hohes Maß an Geduld.
    Eine gute Balance zwischen Motivation und Demotivation zu halten, ist eine Kunst.
  • Fehler gehören dazu.
    Doch das ist leichter gesagt als getan. Die Erwartungen an sich selbst wie auch die Erwartung der Führenden stehen im Weg. Die Leichtigkeit, etwas auszuprobieren, geht immer mehr verloren. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Meine eigene Fehlerkultur ist sehr bescheiden.
  • Scheinbar einfachen Tätigkeiten mit Respekt begegnen.
    Auch Bäckereien sind auf dem Weg der Digitalisierung und fordern ihre Mitarbeiter. Vielleicht eine Möglichkeit, den Respekt wieder zu entwickeln: Führungskräfte sollten einmal einen Tag ihre Mitarbeiter begleiten, um zu sehen, welche Leistung sie täglich erbringen. Da wird es sicherlich Überraschungen geben.

Mit der Ruhe kamen die Lebensgeister zurück

Was ist aus meinem Wunsch geworden, einfach mal „auszusteigen“? Ich schreibe diesen Artikel während meiner Sommer-Auszeit in Irland. Kaum war ich auf der Insel, fand ich in einen anderen Energiezustand zurück. Die Lust zu schreiben, wurde wach. Ich spürte wieder Neugierde. Für mich geht es wohl einfach um eine Pause. Um Abstand. Darum zu spüren, was noch Spaß macht.

Kaum war der Zeitdruck draußen, entstanden neue Impulse. Der Sinn meiner Arbeit war für mich wieder sichtbar. Mal eben so. Ist doch ganz einfach.